10 Tipps für einen Neustart in Frankreich

Ja, man könnte sagen dass ich nach all diesen Jahren zu so was wie einem Experten geworden bin was die Integration in einem neuen Land betrifft.
Hier: Frankreich. Und nicht irgendwo, nicht Paris, nicht Normandie, nein im Südwesten (fast Spanien!!) in Bordeaux. Und das ist nicht unerheblich was die Mentalität anbetrifft...

Als ich vor 16 Jahren hier ankam war Bordeaux noch reichlich verschlafen, selbst wenn Juppé als Bürgermeister schon das Ruder übernommen hatte. Ich war als neuangekommene Deutsche eine echte Sensation und wurde mit viel Verve überall eingeführt.
Und das war an sich schon echt erstaunlich. Denn als ich noch in Deutschland meinen Umzug plante, erzählte man mir überall: Was Bordeaux??? Du kennst da keinen? Na das wird aber schwierig. Die Bordelaiser sind total verschlossen und lassen keinen rein. Dann mal viel Spass...
Ja so oder so ähnlich war das Echo auf meine Auswanderungspläne. Nicht gerade sehr ermutigend...

Um so mehr war ich positif überrascht und erfreut, dass der einzige Kontakt den ich hatte mich überall vorstellte, mich überall einlud und mich unterstützte wo er konnte. Ein echter Bordelaiser übrigens, seit vielen Generationen. Verglichen mit dieser unanstrengenden Freundlichkeit fand ich die Düsseldorfer im Rückblick reichlich arrogant, selbstverliebt, engstirnig und verbohrt.

Auf dem Weg zum Strand, Cap Ferret Sommer 2018


Aber die Anfänge waren trotzdem schwierig.
Ein neues Leben auf die Beine zu stellen, alleine mit 3 Kindern, war eine echte Herausforderung.
Aber ich war wild entschlossen diesen Neuanfang zu meistern und meinen Kindern ein heiteres und geborgenes Zuhause zu schaffen.

Im Rückblick würde ich sagen, ich habe viele Fehler gemacht, Umwege genommen, bin in Fettnäpfchen getreten und bin zum Teil vom Weg abgekommen, aber... ich habe es geschafft.
Wir fühlen uns heute wohl in einem harmonischen und friedvollen Umfeld, die Zukunft scheint uns vielversprechend und wir sind von wohlwollenden und liebevollen Freunden und Bekannten umgeben.

Trotz all der schwierigen, manchmal grauen Momente, habe ich mir jeden Tag zu meinem Schritt gratuliert. Jeden Morgen vor meinem Kaffee mit Blick über die Dächer von Bordeaux sage ich mir: Mensch das hast Du richtig gemacht! Die beste Entscheidung Deines Lebens...

Paris, im Marais November 2019


Ja und ich habe in letzter Zeit einige Fragen bekommen von anderen Deutschen die auch auswandern möchten: Wie hast Du das gemacht?  Wie war Dein Weg? Auf welche Schwierigkeiten bist Du gestossen?
Man muss immer berücksichtigen dass jeder Weg einzigartig ist und man keine persönliche Erfahrung mit der anderen vergleichen kann. In derselben Situation werden 5 unterschiedliche Menschen auf 5 verschiedene Weisen reagieren und so wird die Situation 5 Mal anders ausgehen.
Aber es gibt sicher to-do's die für jeden gelten und die, wenn ich sie gekannt hätte, mir den Anfang leichter gemacht hätten.

So let's start:

1) "Dein Französisch ist fast perfekt".
Das versteht sich fast von selbst und das ist die Grundbedingung für einen flüssigen Start. Mein Französisch war echt OK aber ich hatte schon Schwierigkeiten in der Kommunikation mit Behörden, Gas- und Elektrizitätsanbietern etc. Und Du weisst es sicher schon, aber ich wiederhole es gerne nochmal, der Franzose spricht keine Fremdsprache (oder wenn dann schlecht) und gibt sich auch keine Mühe ein mittelmässiges Französisch zu verstehen. Zudem gehen Dir einige Feinheiten durch die Lappen wenn Du nicht flüssig sprichst und die Feinheiten sind in Frankreich mehr als wichtig. Aber dazu weiter unten mehr.

Carcans Plage, Januar 2018


2) "Du nimmst alle Möglichkeiten wahr um neue Leute kennenzulernen!"
Das gilt hier in Frankreich genauso wie anderswo: Kontakte sind das A und O. Kennst Du die richtigen Leute, öffnen sich viele Türen. Hast Du einen netten Kontakt zu den anderen Müttern, nimmt man Dir auch schon mal Dein Kind ab oder gibt man Dir Tipps zur Organisation. Also: Sei offen, trink Kaffee mit den Müttern morgens vor dem Job, geh auf Apéros oder andere Vernissagen, zeige Bereitschaft mitzumachen, Dich einzufügen.

3) "Deine Sprache ist dezent, höflich und freundlich".
Machen wir uns nichts vor, die Kommunikation läuft einfach anders hier in Frankreich. Und das fängt bei der Sprache an. Die deutsche Sprache ist extrem nuanciert und detailgenau. Dementsprechend drücken wir uns unumwunden, klar und deutlich aus. 'Cash' sozusagen. Und das läuft hier gar nicht. 'Cash' ist eindeutig unwillkommen und wird als fehlende Erziehung wenn nicht gar als Affront gedeutet. Das Zwischen-den-Zeilen ist fast wichtiger als das was gesagt wurde, d.h. die Tonlage, die Körperhaltung sind genauso wichtig wie die Worte selbst. Das bedarf viel Übung, Beobachtung und eine extrem genaue Beherrschung der sprachlichen Nuancen, aber das kommt mit der Zeit. Glücklicherweise ist der Franzose tolerant und reichlich entspannt mit Deinen kleinen Unfähigkeiten. Im Zweifelsfall findet er Deine Ungeschicklichkeiten und Deinen Akzent exotisch.

Kirche Saint Louis in meinem Viertel, Chartrons

4) "Sei höflich und wahre Abstand."
Ich komme nochmal auf die Höflichkeit zurück, denn das ist ein Meilenstein in der französischen Gesellschaft. Du sagst 'Bonjour' mindestens 100 Mal am Tag (und das mit dem Zusatz Madame oder Monsieur bitte!), Du bedankst Dich wahrscheinlich 500 Mal und Du sagst 'Pardon' mindestens 2000 Mal (OK ich übertreibe ein kleines bisschen). Die Franzosen sind extrem höflich und zuvorkommend und erwarten von Dir das gleiche. An der Kasse sagst Du Guten Tag, du bedankst Dich am Ende und wünschst einen schönen Tag. Wenn Du eine Frage hast in einem Laden sagst Du zuerst Guten Tag und formulierst dann Deine Frage auf die die möglichst höflichste Art. Im Job sagst Du jedem Guten Tag, du plauderst freundlich ohne zu persönlich zu werden, Du fragst morgens 'ça va?' (im Sinne von: alles klar, alles ok?) Du beobachtest wie das die anderen machen und du machst es genauso. Der freundlich-höfliche Smalltalk ist die Basis des gesellschaftlichen Umgangs und eine echte Kunst. Wenn Du es einmal beherrschst macht es Dein Leben heiterer, flüssiger und freundlicher.

5) "Entspann Dich mit Deinen Massstäben von Sauberkeit und Ordnung."
Ja wir Deutschen lieben die Regeln, die klaren Absprachen, die sauberen Strassen, die peinlich gepflegten Gärten und die wie geleckten Wohnungen. Alles clean und überschaubar. Der Franzose liebt das Unvorhersehbare, das Ungeplante, die Spontaneität. Die Wohnungen hier sind fast alles Altbauten, oft in einem heruntergekommenen Zustand, denn in Frankreich hat man eine gelassene Einstellung zum Alter und zur Geschichte der Bausubstanz. Hier kommt die Lebensphilosophie der Franzosen klar zum Ausdruck: Leben und leben lassen. Entspannt sein, das Leben nicht so ernst nehmen, auch mal über die Strenge schlagen, bei rot über die Strasse gehen (ein Volkssport) und das bisschen Unkraut neben der Tür oder die verschmierten Fenster sind eher Zeichen einer unbekümmerteren Lebensform als einer verlotterten Lebensweise oder einer fehlenden Erziehung. Und damit kommen wir zum Erziehungssystem.

Crevetten und Austern Cap Ferret, Oktober 2019


6) "Akzeptiere die Regeln des französischen Erziehungssystems."
Und ich möchte fast hinzufügen, auch wenn sie Dir teilweise absurd erscheinen. Dazu gehört das unsägliche Theater um die 'rentrée' (den Schuleinstieg nach den grossen Ferien) mit den Tonnen von spezifischen Heften Stiften o.ä. die 'dringend' benötigt werden. Dazu gehört auch die absolute moralische und erzieherische Autorität des Lehrpersonals die nicht hinterfragt wird. Dazu gehört der freie Mittwoch und die dazugehörigen Aktivitäten und die spezielle Organisation die dazu nötig ist. Und die Liste ist noch lang. Die 'éduation nationale' ist wie das Wetter, man nimmt sie hin denn man kann sie sowieso nicht beeinflussen. Der Franzose hat ein unerschütterliches Vertrauen in das System, die Erzieher, die Kita's, die Lehrer, die Schule im Allgemeinen. Und er hat womöglich recht damit. Aber das lasse ich jeden selbst beurteilen.

7) "Halte freundlichen Abstand zu verheirateten Männern (und Frauen)".
Ja das war wohl mein grösster Fehler den ich hier anfangs gemacht habe. Hier ist das Paar ein Besitzstand mit Grenzen die auf keinen Fall überschritten werden dürfen. Du kannst nicht 20 Minuten mit einem verheirateten oder gebundenen Mann auf einer Party diskutieren ohne dass Du als 'salope' (Nutte) abgestempelt wirst und Dir den Zorn der anderen Frauen zuziehst. Du plauderst bitte mit Frauen und Du vermeidest wie die Pest die Männer die vergeben sind. Und als Mann vermeidest Du verheiratete Frauen intensiv zu bequatschen. Du wirst Dir sonst einige Feinde machen. Das ist die eindeutig konservative Seite der französischen Gesellschaft und repräsentiert eine völlig andere Auffassung im Umgang mit dem anderen Geschlecht. Und damit kommen wir zu Punkt 8 (für Frauen, sorry).

Viele Blumen in meinem Viertel, Sommer 2017


8) "Du darfst Dich als Frau fühlen."
Ja, Du kannst Dich angesichts der französischen Galanterie entspannen. Man wird Dir Komplimente machen, man wird Dich intensiv begutachten und man wird Dich vielleicht in ein Gespräch verwickeln. Der Franzose ist galant und charmant ohne unbedingt etwas Konkretes zu wollen. Das liegt in seinen Genen und das macht das Leben eher angenehm. Falls Du auf Tiefe oder Engagement zählst, musst Du Geduld beweisen. Die Beziehungen werden als leicht genommen und bewertet zumindest anfangs. Man erwartet von Dir Unabhängigkeit und gleichzeitige Weiblichkeit was als Paradox bewertet werden könnte, was aber die Französinnen so unnachahmlich und einzigartig verkörpern. Hier können wir noch einiges lernen...

9) "Akzeptiere die Hierarchie im Job."
Hierarchie wird eindeutig gross geschrieben in Frankreich. Das fängt bei der Organisation der Gesellschaft an und das hört nicht unbedingt bei der Firma auf. Der Respekt der Hierarchie ist vorrangig auch wenn es nach aussen hin nicht so scheint. Mach Dich darauf gefasst dass Anordnungen oder Aufgaben nicht als solche daherkommen, sondern sich für einen Deutschen eher wie Vorschläge oder Ideen anhören. Es sind aber klare Richtlinien die Dir zwischen den Zeilen vermittelt werden. Du solltest darauf achten die Deadlines nicht zu verpassen die oft im Nebensatz daherkommen und Deine Arbeit beizeiten Deinem Vorgesetzten zur Absegnung vorlegen. Denn Dein Chef hat das letzte, höfliche, Wort. 

Apéro, was sonst



10) "Geniesse das Leben."
Denn es wäre schade diese speziell französische Lebensphilosophie zu ignorieren. Ja ,Du kannst hart arbeiten, morgens früh aufstehen um Sport zu machen, noch spät den lieben Kleinen eine Geschichte vorlesen, aber Du solltest unbedingt dieses gewisse Etwas von Lässigkeit und Eleganz mitnehmen das hier in der Luft schwingt. Nimm Dir Zeit für einen Kaffe, draussen natürlich, denn hier trinken wir das ganze Jahr den Kaffee draussen. Nimm einen Apéro mit Kollegen oder Freunden, denn Du lebst heute und wer weiss was morgen kommt. Halte an für ein Pläuschchen mit der Nachbarin, denn diese kleinen Pausen im Alltag machen das Leben erst lebenswert. Und: Nimm alles nicht so ernst, denn....demain est un autre jour!!

Soulac sur mer, bei Freunden, Sommer 2017

Falls ich Dir noch mit weiterem Rat zur Seite stehen kann oder Du konkrete Hilfe benötigst, findest Du meine Servicevorschläge unter der Rubrik: Für Deutsche.

Und ansonsten: Viel Spass und Erfolg bei Deinem Abenteuer!!

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